SCHOPFHEIM-STEINEN. Die Idee ist etwa so alt wie der technische Umweltschutz in Deutschland. 1986, als Waldsterben, Atomkraft und Verklappen von Müll in der Nordsee Thema waren, baute Mannesmann eine neuartige Anlage zur Wasseraufbereitung: Vacudest. Im Kunstwort steckt schon, wie das passiert – Destillation in einem Vakuum. Inzwischen ist Vacudest ein Produkt der H2O GmbH. 1999 mit Hilfe eines Management-Buy-Out entstanden, vergrößerte sich das Unternehmen seither stetig. Bei der Gründung bestand das Team neben den drei Inhabern aus vier Mitarbeitern. Im vergangenen Jahr zog der Betrieb nach Steinen in ein neues Entwicklungs- und Produktionsgebäude direkt an der Wiese. Beschäftigt sind inzwischen 45 hoch qualifizierte Mitarbeiter, der Umsatz betrug im Jahr 2005 etwa sieben Millionen Euro. „Wir sind mit der Entwicklung sehr zufrieden“, sagt Wolfgang Schneider, einer der drei Inhaber und Ingenieur für Maschinenbau und Verfahrenstechnik.

Schneider musste sich zwar, wie seine Kollegen Frank Schlegel und Matthias Fickenscher auch, betriebswirtschaftliches Know-how zulegen, die Faszination aber gilt dem Wasser und der Physik. Ein wenig physikalisches Grundverständnis ist auch nötig, will man begreifen, warum Vakuumdestillation eine sehr wirtschaftliche Möglichkeit ist, Abwasser zu reinigen. Jeder, der einmal zu lange Milch auf dem Herd stehen ließ weiß: Was verdampft, ist reiner Wasserdampf, übrig bleibt ein Konzentrat. Dasselbe passiert, wenn Wasser mit Phosphat, Schwermetallen oder Öl aufgekocht wird. Logischerweise ist ein geschlossener Kreislauf nötig, schließlich dürfen keine gefährlichen Dämpfe austreten. Im Vacudest-Verfahren kondensiert reiner Wasserdampf zu Wasser. So weit die Destillation. Übrig bleibt ein dickflüssiges Konzentrat mit den Schadstoffen. Weil ein solches Verfahren Unmengen von Energie nötig machen würde, kommt das Vakuum ins Spiel. Wasser braucht bei niedrigem Luftdruck weniger als 100 Grad Celsius, um zu kochen. Im Vakuum sind es etwa 86 Grad Celsius. Der entstehende Wasserdampf wird in einer Vakuumpumpe verdichtet und bei höherem Druck und somit höherer Temperatur kondensiert. Hierbei gibt der Wasserdampf die gesamte zum Verdampfen benötigte Energie an das System zurück. Nötig ist allein die Energie für die Vakuumpumpe.

Seit Gründung von H2O ist Vacudest zur attraktiven Lösung der Abwasserprobleme bei vielen Industriebetrieben geworden. „Wir sind keine Grünen“, sagt Wolfgang Schneider. Denn die Unternehmen entschieden sich nicht aus Umweltschutzgründen für Vacudest, sondern „weil sie knallharte Dollars sparen können“. Nicht nur in Deutschland und Europa sind die gesetzlichen Anforderungen an die Unternehmen gestiegen. Auch in Malaysia ist es offenbar teurer, Abwasser anderweitig loszuwerden als es zu reinigen: Canon ist dort einer der jüngsten Abnehmer. Die meisten Kunden aber sind in Frankreich, etwa jede dritte Anlage geht dorthin. „Je mehr die Vorschriften in Europa harmonisiert und nach oben geschraubt werden, umso besser für uns.“ Außerdem profitieren sie davon, dass Wasser und Energie auch für die Industrie immer teurer sind.

Als Klärmethode für die Unmengen von Abwasser aus Haushalten wird Vacudest wohl nie zum Einsatz kommen. „Dafür gibt es einfachere und billigere Methoden“, sagt Schneider. Dennoch gibt es einen unmittelbaren Zusammenhang. „Wir können dafür sorgen, dass herkömmliche Kläranlagen mit dem Abwasser von Industriebetrieben klar kommen.“ Schließlich beruhten sie auf Filterung und biologischen Abbauprozessen. Dementsprechend empfindlich reagieren sie auf toxische Stoffe. Im Destillat einer Vacudest-Anlage sind nur noch geringe Spuren von Stoffen nachzuweisen und im Jahr des 20. Geburtstags der Technik bringt H2O ein neues System, „Clear Cat“ genannt, auf den Markt. Die Katalysator-Technik soll diese Werte noch einmal verbessert. Wie die genau funktioniert, erklärt Wolfgang Schneider lieber nicht: Aus Rücksicht vor Nicht-Technikern. Aber auch technisch Versierte sind oft neugieriger als gewünscht. „Man muss aufpassen, aber unsere Anlagen sind so komplex, dass sie niemand einfach nur nachbauen kann“, sagt Schneider zum Thema Industriespionage. Zur Dienstleistung von H2O gehören auch umfassender Service und regelmäßige Wartung. Am Hauptsitz in Steinen werden die Abwässer der Kunden regelmäßig analysiert, um die Anlagen optimal anzulegen und einzustellen. „Unsere Kunden müssen uns vorher bescheid sagen, wenn in ihrer Produktionskette auf einmal andere Stoffe in die Abwässer gelangen.“

Um international Präsenz zeigen zu können, ist H2O Teilhaber an einer schwedischen Tochtergesellschaft und betreibt Servicestellen in mehreren Ländern. In Deutschland stehen zahlreiche Anlagen rund um Stuttgart. Viele große und kleine Automobilzulieferer lassen ihr Wasser mit Vacudest reinigen. Auch sie lassen sich von den Kosten überzeugen: „Nach zwei, drei Jahren haben sich die Anlagen amortisiert“, sagt Schneider und trinkt einen Schluck Leitungswasser. „In Deutschland kann man das überall sehr gut trinken.“   Martin Pfefferle